Freitag, 30. März 2018

Woran glaubt ein Atheist – Spiritualität ohne Gott von Comte-Sponville

Nachdem ich hier lange nichts mehr gepostet habe, da ich mit Büchern und anderen Texten beschäftigt war hier ein Artikel, den ich vor Jahren auf der nicht mehr existenten Seite suite101.de veröffentlicht habe:

Besprechung des Buches „Woran glaubt ein Atheist – Spiritualität ohne Gott“ des französischen Philosophen Comte-Sponville
In seinem Buch „Woran glaubt ein Atheist – Spiritualität ohne Gott“ beschreibt André Comte-Sponville (geboren 1952 in Paris, bis 1998 Professor an der Sorbonne und jetzt als freier Schriftsteller tätig) seine Haltung zur Religion, zum Glauben an Gott und sein Verhältnis zur Spiritualität.
Kann man auf Religion verzichten?
Im Ersten Hauptkapitel definiert Comte-Sponville den Begriff der Religion. Er gibt sein eigenes Bekenntnis als Atheist, der in der Tradition der griechisch-jüdisch-christlichen Tradition steht und an gewissen moralischen Werten die daraus entstanden sind, festhält und er stellt fest, dass eine menschliche Gesellschaft nicht auf Kommunion ( Gemeinschaft, Zusammenwirken, Zusammenhalt) verzichten kann, dass diese aber nicht religiös sein muss. Ebenso benötigt seiner Ansicht nach die Gesellschaft ein gemeinsames Bekenntnis. Bekenntnis unterscheidet er vom Glauben als etwas was man anerkennt, was man für richtig befindet, während Glaube eine Überzeugung ist. Ohne ein Bekenntnis sieht er Nihilismus und Barbarei des Fanatismus im Vormarsch. Er sieht in Bezug auf moralisches Denken und Handeln keinen Unterschied, ob man bekennender Atheist ist und eine nicht gläubige Gesellschaft, oder eben nicht. Nur Fanatiker und Dogmatiker schließt er aus.
Gibt es Gott?
Im zweiten Hauptkapitel versucht er sich an einer vorläufigen Definition eines Gottes-Begriffes und setzt sich mit den sogenannten Gottes-Beweisen auseinander. Die drei wichtigsten davon widerlegt er und macht deutlich, dass man weder die Existenz noch die Nicht-Exstenz Gottes beweisen kann. Er nennt seine eigen Gründe, nicht mehr an Gott zu glauben:
1. Die Unmöglichkeit eines Gottesbeweises
2. Die Nicht-Erfahrbarkeit Gottes (er zeigt sich nie)
3. Gott ist die unerklärliche Begründung für das Unerklärliche
4. Das Übermaß des Bösen in der Welt
5. Das Mittelmaß der Menschen, die ja angeblich nach Gottes Ebenbild geschaffen sind
6. Der übermächtige Wunsch nach der Existenz Gottes (wer möchte nicht geliebt werden von einem überhöhten Vater)
Zuletzt betont Comte-Sponville das Recht nicht zu glauben, sieht den Laizismus (Trennung von Religion und Staat als das kostbarste Erbe der Aufklärung. Für ihn ist die Freiheit des Geistes noch wichtiger als der Friede, „denn ohne sie ist der Friede nur Knechtschaft“.
Welche Spiritualität für Atheisten?
Im letzten Hauptkapitel widmet sich der Autor dem Thema Spiritualität. Er legt Wert darauf, dass man als Atheist sehr wohl ein spirituelles Leben ohne Religion haben kann. Er erklärt die Begriffe Mystik und Mysterium und beschreibt, das was für ihn Spiritualität beinhaltet. Er sieht „Spiritualität der Immanenz eher als der Transzendenz, und der Öffnung eher als Innerlichkeit. Spiritualität führt ihn dazu, das das Ego in der mystischen Erfahrung sich auflöst, dass Fülle, Einfachheit, das Empfinden von Einheit, das Schweigen des Denkens, die Aufhebung der Zeit (Ewigkeit), innere Gelassenheit und die Annahme dessen was ist, entstehen.
Comte-Sponville greift in seinem Buch sowohl auf westliche Philosophen zurück als auch auf östliche und findet so zu einer schlüssigen Gesamtsicht. Für den in philosophischer Literatur ungeübten Leser ist das Buch teilweise etwas sperrig zu lesen, besonders im zweiten Teil bleibt es recht theoretisch. Seine Abschluss gibt dann noch ein mal sein Bekenntnis wieder:
„Die Liebe schenkt Leben, nicht die Hoffnung; Wahrheit befreit, nicht der Glaube.
Wir sind schon im Paradies: Ewigkeit ist jetzt.

Quelle: André Comte-Sponville „Woran glaubt ein Atheist – Spiritualität ohne Gott“, Zürich 2008

Mittwoch, 26. Juli 2017

Heute bin ich Samba

Am vergangenen Dienstag sah ich im Fernsehen den Film des Regieduos Eric Toledano, Olivier Nakache mit dem Hauptdarsteller Omar Sy, der mit dem letzten Film der französischen Regisseure „Ziemlich beste Freunde“ bekannt geworden ist.
Leider wurde der Film zu später Stunde gezeigt, aber die Handlung um einen illegalen Immigranten aus dem Senegal, der sich in Paris versucht durchzuschlagen und immer wieder in die Mühlen der Bürokratie und der Polizei gerät, war spannend und bewegend genug, um durchzuhalten. Eine freiwillige Sozialhelferin namens Alice (Charlotte Gainsbourg) versucht den Spagat zwischen Distanz und Sympathie und scheitert dait letztlich, da sie sich in den Afrikaner verliebt, der sich mit verschiedenen Rollen und Ausweisen am Leben zu halten versucht und auch mit seinen eigenen Gefühlen und Ängsten immer wieder in Konflikt gerät.
Die Geschichte beschreibt die Situation von illegalen Immigranten gefühl- und humorvoll, aber durchaus differenziert. Allerdings drängt sich dem Zuschauer die Frage auf, warum die Frage einer möglichen „Schein-“Ehe nicht einmal gestellt wird, die für Samba ja eine mögliche Lösung seiner Probleme gebracht hätte.
Ich war auf jeden Fall von dem Film sehr bewegt und gefangen, vielleicht auch, weil ich durch meine freiwillige Arbeit mit Flüchtlingen vieles über deren Probleme erfahren habe.
Das Erste
Copyright text: Ludger Gausepohl

Montag, 8. Mai 2017

Lion - Ein bewegender Film über die Suche nach der eigenen Herkunft

Nur durch Zufall schaute ich mir diesen Film an. Er wurde mir an dem Tag, an dem ich plante, ins Kino zu gehen, von meiner Schwester empfohlen. Vermutlich hätte ich ihn sonst nicht gesehen, da ich bis dahin nichts darüber gehört hatte.
Der Film beginnt in einem kleinen Dorf in Indien, wo ein kleiner Junge namens Saboo mit seinem älteren Bruder versucht, der alleinstehenden Mutter zu helfen, der Familie das Überleben zu sichern. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle gelangt der Junge mit der Bahn ganz allein in die Riesenstadt Kalkutta, wo eine fremde Sprache gesprochen wird. Er kommt schließlich in ein Waisenhaus, in dem es zugeht wie in einem Gefängnis und wo manche Kinder missbraucht und misshandelt werden. Schließlich aber hat er das Glück, dass er von einem australischen Ehepaar adoptiert wird und in wohlhabenden und gesicherten Verhältnissen aufwachsen kann. Aber was ein Happy End sein könnte, entwickelt sich zu einer lebenslangen Suche nach der eigenen Herkunft. Es kommt zu Konflikten mit den Adoptiveltern und der australischen Freundin. Der junge Mann gibt aber die Suche nach seinem Heimatort nicht auf und findet ihn schließlich.
Der Film hat mich sehr bewegt und zeigt in schönen und dramatischen Bildern die Lebensgeschichte Saboos (nach einem autobiografischen Roman). Die Thematik der Adoption von Kindern aus einem Kulturkreis der Dritten Welt wird mit allen damit verbundenen Problemen gezeigt. Neben Hauptdarsteller Dev Patel (Slumdog millionair), brillierte Nicole Kidman als Adoptivmutter. Kleine Minuspunkte sind die sehr idealistische Darstellung der Adoptiveltern und die Tatsache, dass der kindliche Darsteller des Saboo im Vergleich zum viel hellhäutigeren Dev Patel dunkelhäutig ist, was nicht so ganz stimmig ist. Dennoch empfand ich den Film als einen der besten, die ich seit langem gesehen habe. 

Lion - Der lange Weg nach Hause

Film 2016, nach dem gleichnamigen Roman von Saroo Brierley

Regisseur Garth Davies

Darsteller: 

Saroo als Kind: Sunny Pawar, als Erwachsener: Dev Patel

Die Adoptiveltern: Nicole Kidman und David Wenham

Plakat zum Film


Donnerstag, 29. Dezember 2016

Meinem Bruder Thomas zum Gedächtnis

Ich stehe in diesem stillen Raum

An deinem aufgebahrten Körper.

Es ist schon so viele Stunden her, 

Da verließ dein Geist uns für immer.

Du liegst ja da so friedlich, so bleich,

Ganz kalt sind deine Hände und Stirn, 

Die ich nur vorsichtig berührte.

Wo sind sie hin, all diese Jahre,

Wo du unser Sonnenschein gewesen,

Und uns mit deinen Streichen plagtest.

Hattest manch Überraschung parat.

Die letzten Jahre waren dir schwer,

Nachdem unsere Mutter verstarb,

Bist du selten fröhlich gewesen.

Dann verließ dich die Erinnerung,

Der Körper versagte seinen Dienst.

Ich stehe jetzt an deiner Bahre 

Und kann nun die Tränen loslassen,

So wie ich auch dich loslassen muss.

Du bleibst ganz fest in meinem Herzen!
Der traurige Anlass brachte mich dazu, nach langem wieder mal etwas hier zu veröffentlichen. Ich hoffe, auch gute Nachrichten bringen mich wieder dazu.

Montag, 18. Juli 2016

Von Drachen, Bomben und Reisen ins Ungewisse

Der Klappentext machte mich zunächst glauben, es gehe um eine Kindergeschichte und die spielt dann auch eine wichtige Rolle in diesem Buch. Aber die Erzählung spannt einen großen Bogen vom Afghanistan der letzten Tage der Monarchie über den Putsch des Bruders des Königs, den Einmarsch der Russen bis in die Zeit nach dem 9.11.2001. Sehr bewegend beschreibt das Buch die Erlebnisse eines Jungen aus der oberen Mittelklasse, sein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater und die Freundschaft zu dem Sohn eines Dieners der Familie, einem Hazara. Diese Volksgruppe wird dort so verabscheut, wie es hier früher (teilweise noch heute) mit den Roma war. Eine böse Begegnung läßt die Freundschaft zerbrechen und die Familie Amirs, des Erzählers der Geschichte, flieht vor den Russen nach Amerika. Jahrzehnte später kommt er wieder in seine Heimat, um eine Schuld gut zu machen, die er auf sich geladen hatte. Die Erzählung gibt ein Bild von einem vergangenen Afghanistan, das aber noch heute in den Menschen weiterlebt, es berichtet von Abenteuern und Freuden, aber auch großem Leid, welches die Protagonisten durchleben müssen. Ich habe das Buch nur ungern fortgelegt, nachdem ich es gelesen hatte. Drachenläufer, Khaled Hosseini, Berliner Taschenbuch Verlag 2007 Titel des Buches:

Freitag, 26. Februar 2016

Ein Lob den Gutmenschen

Gutmenschen kehren nicht nur vor der eignen Tür
und sie schauen auch über ihren Tellerrand.
Gutmenschen setzen sich für gute Dinge ein,
für Menschen in Not, für den Erhalt der Umwelt
und sie nehmen dafür auch Nachteile in Kauf.
Gutmenschen haben ihren Mitmenschen im Blick
und sie achten die anderen Lebewesen.
Gutmenschen schätzen unsere Demokratie,
sie vertreten ihre Meinung ohne Gewalt.
Die Gutmenschen übernehmen Verantwortung.
Hassmenschen hetzen und zerstören was sie stört.
Der Angst vor dem Neuen begegnen sie mit Wut.
Gutmenschen stehen für ein besseres Deutschland,
Was bitte ist auszusetzen an Gutmenschen?

Dienstag, 27. Oktober 2015

Eines meiner Lieblingsbücher: Nachtzug nach Lissabon

Es ist kein Krimi, kein Thriller, kein Abenteuerroman und doch hat mich dieses Buch sehr fasziniert. Merciers Buch über einen Latein-Lehrer, der durch die Begegnung mit einer lebensmüden jungen Frau auf das Buch eines Portugiesen stößt und durch dieses wiederum motiviert wird, sich in das Abenteuer zu stürzen, in Lissabon etwas über den Autor herauszufinden, enthält viel psychologisches Gespür, philosophische Erkenntnis und die Aufforderung, sich über sein eigenes Sein klar zu werden. Ich hatte das Buch vor Jahren bereits mit großem Interesse gelesen und nach dem ich auch den Film zu dieser Geschichte gesehen hatte, wollte ich sie noch einmal lesen. Sehr schnell war ich wieder völlig gefangen von dem Versuch des Berner Lehrers Gregorius, etwas über einen ihm völlig fremden Portugiesen herauszufinden. Er entdeckt dabei nicht nur vieles über dessen Leben als Arzt, als Mensch und als Widerstandskämpfer gegen das Salazar-Regime, sondern auch vieles über sich selbst. Besonders beeindruckend fand ich die Rede des jungen Amadeu Prado bei der Abiturfeier seiner Schule, die den Titel trägt: Ehrfurcht und Abscheu vor Gottes Wort. Sie beginnt mit den Worten: Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. ...Ich brauche ihren Glanz. Ich brauche ihn gegen die schmutzigen Einheitsfarbe der Uniformen. Ich will den rauschenden Klang der Orgel hören, diese Überschwemmung von irdischen Tönen. Ich brauche ihn gegen die schrille Lächerlichkeit der Marschmusik. … Doch es gibt auch die andere Welt, in der ich nicht leben will: die Welt, in der man den Körper und das selbstständige Denken verteufelt und Dinge als Sünde brandmarkt, die zum besten gehören, was wir erleben können. Hier geht es um die Verteidigung des Schönen und Feierlichen gegen Intoleranz, Dogmatismus und Diktatur. Das Buch hinterließ mich nachdenklich und bereichert, weit mehr als ich mir davon erwartet hatte. Der Film verkürzt und verändert die Geschichte etwas, aber schafft es doch, seine Grundgedanken wiederzugeben.

Nachtzug nach Lissabon, Pascal Mercier, btb 2006