Mittwoch, 14. Dezember 2011

Religion, gute Idee?

In einem katholischen Elternhaus wie meinem war der Kontakt zur Religion unausweichlich und prägend. Obwohl ich lange schon aus der Kirche ausgetreten bin und mich auch als nicht religiös betrachte, gibt es doch vieles, was mich an der Religion und Religiosität fasziniert. Mich faszinieren religiöse Hingabe, festliche Riten, aber auch tiefere Ebenen verschiedener Religionen. Es gibt meiner Meinung nach sowohl im Positiven, als auch im Negativen viele Übereinstimmungen in allen Religionen. Meine eigenen Erfahrungen und mein Interesse für religiöse Themen und die Betrachtung der menschlichen Geschichte brachte mich nach langem Hinterfragen und Suchen letztendlich zu der Einsicht :
Alle existierenden Religionen sind Menschenwerk!

Wozu brauchen die Menschen die Religion?

Je länger ich mich mit dem Thema befasse, desto klarer wird mir, dass es hierauf keine einfache Antwort geben kann. In ihren Anfängen glaubten die Menschen an Geister ihrer Ahnen und an Naturgeister. Diese gehörten zum Leben dazu und mussten mit Gaben wohl gesonnen gehalten werden und waren die Verbindung des Menschen zur allgewaltigen Natur. Sehr naturverbunden lebende Völker glauben heute noch so. Später wurden aus Naturgeistern Götter, die den Menschen noch immer ziemlich ähnelten (quasi als Oberhäupter der menschlichen Familie) und diese auf Grund ihrer Macht belohnen oder bestrafen konnten. Oft war die überlieferte Machtausübung der Götter aber auch recht willkürlich, Rache und Willkür schienen geradezu göttlich zu sein. Die Viel-Götter-Religionen sind heute in den westlichen Ländern verschwunden, es gibt sie noch in Asien (Hinduismus, Volks-Taoismus, tibetischer Buddhismus u.a.), Südamerika und Afrika, meist dort, wo es auch noch vorindustrielle Lebensweisen gibt. Allerdings hat der Katholizismus in Form der Heiligenverehrung etwas von diesem Götterglauben bewahrt. Der Ein-Gott-Glaube war zunächst auch nicht viel anders als der Viel-Götter-Glaube. So war (und ist bei manchen heutigen Richtungen noch) der jüdische Gott so etwas wie das Oberhaupt des jüdischen Volkes. Wenn er verärgert war, löschte er ganze Völker aus und nur das Volk Israel fand seine Gnade, die anderen waren offensichtlich alles verlorene Seelen. Aber auch die Christen schickten ihre Kreuzritter und auch spätere Soldaten im Namen Gottes in den Krieg und richteten so manches „heilige“ Gemetzel unter den „Ungläubigen“ an und dann wurden ganze Welten im Namen Gottes erobert und versklavt. Dem gleichen Denken fielen hunderttausende von „Ketzern“ oder „Hexen“ zum Opfer. Als letzte der großen Religionen breitete sich der Islam mit Feuer und Schwert aus und sieht alle Nichtgläubigen als der Hölle geweiht an.
Das Bild der Menschen von Gott oder den Göttern verändert sich offensichtlich entsprechend ihren gesellschaftlichen Verhältnissen. Und die Menschen projizieren ihre Wünsche, Ängste und auch ihre gesellschaftlichen Leitbilder in Gott oder die Götter hinein. Selbst der Buddhismus, der sich ursprünglich gar nicht als Religion verstand, sondern als Lebensphilosophie, in der Gott oder Götter keine große Rolle spielten, entwickelte den Glauben an den göttlichen Buddha und viele andere Götter. Offensichtlich kamen die Menschen ohne dies nicht aus und hätten die Meditations- und Verhaltensregeln ohne dieses Beiwerk nicht akzeptiert. Schließlich zeigte sich in den so genannten sozialistischen Staaten so etwas wie ein Götter- oder Heiligenkult mit Marx, Engels, Lenin usw. Der Sozialismus/ Kommunismus wurde als eine Paradies ähnliche Gesellschaft gesehen. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich auch der Nutzen der Herrschenden an solchen Götterbildern. Religion und Macht sind zu allen Zeiten eine enge Verbindung eingegangen. Marx hatte schon recht, wenn er von der Religion als dem Opium für das Volk spricht. Ob er sich wohl vorstellen konnte, dass seine eigenen Lehren die Grundlage so eines Opiums für das Volk wurde? Allerdings greift man wohl zu kurz, wenn man das Bedürfnis nach Religion nur als Trick der Mächtigen sieht, um das unterdrückte Volk ruhig zu stellen. Offensichtlich handelt es sich um ein sehr tief sitzendes Bedürfnis, das auch im 21. Jahrhundert ungebrochen ist, was der Zulauf zu allen möglichen esoterischen Schulen zeigt. Es ist jedenfalls sehr lehrreich, die Religionen zu studieren, nicht nur ihre einzelnen religiösen Inhalte zu vergleichen, sondern auch ihre Entwicklung und ihre gesellschaftlichen Zusammenhänge.

Was sind die grundlegenden Gemeinsamkeiten aller Religionen?

Der gemeinsame Glaube verstärkt die Gemeinschaft der Menschen untereinander, dies wird besonders gefördert durch Rituale, die eine Verbindung schaffen sollen zum höheren Sein. Der Mensch sucht in seiner Einsamkeit nach einer Verbindung zu einer höheren Macht, die ihn immer umgibt und über sein kurzes Leben hinausgeht, ihm Aussicht auf eine weiterlebende Seele gibt, eine Kraft, die die Verletzungen des Lebens heilt. Die Aussicht auf ein besseres Leben in einem Paradies oder Himmelreich hat etwas sehr Motivierendes und Beruhigendes. Sehr mächtig sind aber auch die Ängste, die durch die verschiedenen Religionen geschürt werden. Fast überall gibt es die Drohung mit der Strafe der Götter, mit den Gefährdungen und Versuchungen durch das Böse, was einen in einen tiefen Abgrund oder eine Hölle stürzen will. Alle tief verborgenen Ängste der Menschen werden hier hinein projiziert und dieses ganze Gebräu ist natürlich bestens geeignet, um sie gefügig zu machen und den Herrschenden zu unterwerfen, die sich immer als Vertreter des Rechts und des Guten darstellen. Darum umgeben sie sich auch gerne mit den Vertretern des Klerus, der diese Propaganda-Aufgabe für sie übernimmt und damit seine eigene Machtstellung ausbaut. Diese Verbindung von Herrschaft und Religion ist ein Instrument der Unterdrückung und nichts anderes!

Es geht auch ohne Religion

Die existierenden Religionen bringen den Menschen im allgemeinen nicht dazu, wirklich erwachsen zu werden. Gott wird schon alles richten, wird belohnen und strafen und übernimmt die ganze Verantwortung. Religionen sind Krücken für unsere Unvollkommenheit und sie verengen unseren Blick für die Wirklichkeit, ja sie können wirken wie Drogen oder, wie man heute leider nur zu oft erlebt, wie tödliches Gift, sei es bei islamischen Fanatikern oder bei christlichen Eiferern. Da jede Religionsgemeinschaft den Anspruch erhebt, die einzig wahre und richtige zu sein, spalten sie die Menschheit und sorgen für zahlreiche Aggressionen untereinander. Um sich davon zu befreien, sollten die Menschen sich auf ihren freien Geist besinnen und erkennen, dass in der menschlichen Gemeinschaft und im menschlichen Geist selbst das Göttliche steckt und durch die Pflege von Tugenden wie Mitmenschlichkeit, Frieden, Liebe, Freude schenken, Achtung vor anderen Menschen und anderen Lebewesen sich ein innerer Heilungsprozess entwickelt. Das positive Handeln und Denken erzeugt positive Gefühle und Empfindungen und pflanzt sich weiter fort. Hier liegt die Quelle zu einem Glauben ohne Religion (wobei ein Glaube an Gott kein Hindernis sein muss, wenn er nicht alle verdammt, die anders glauben). Dazu gehört eine Moral, die aus der Vernunft kommt und nicht aufgesetzt ist oder mit Höllenstrafen durchgesetzt werden muss. Dies erfordert einen wirklich erwachsenen Menschen. Was mir und meinem Mitmenschen sowie der Natur schadet, ist schlecht, was Schaden abwendet und Nutzen bringt, ist gut. Nicht selten stehen aber verschiedene Interessen im Widerspruch und dadurch entstehen Konflikte. Und nicht immer gibt es eine salomonische Lösung dieser Konflikte. Soll man das Fleisch von Mitkreaturen essen? Soll man einem Leidenden bei der Selbsttötung helfen? Soll man Tiere zu Forschungszwecken nutzen um beispielsweise Heilmittel für uns Menschen zu finden?
Wir müssen wohl akzeptieren, dass es nicht immer eine Lösung gibt, die allen moralischen Kriterien gerecht wird. Natürliche Prozesse können eine Anleitung dazu geben, was der Mensch darf und was nicht. Unsere Natur zwingt uns zu bestimmten Verhaltensweisen, die wir auch akzeptieren müssen, aber wir können sie teilweise modifizieren, zivilisieren und entsprechend unserem wachsenden Wissen und technischen Möglichkeiten verändern. Ein hohes moralisches Ziel lässt sich nicht immer sofort verwirklichen, aber unser Streben sollte sich auf sein Erreichen richten. Das Annehmen unserer Unvollkommenheit und der Glaube, dass unser Geist scheinbar Unmögliches vermag, sind zwei Seiten einer Medaille.

Die Gemeinschaft ist Teil unseres Seins

Vieles an Regeln und Vorschriften, die die Religionen uns als Wegweiser für das Leben mitgeben, können wir uns auch in eigener Verantwortung geben, mit dem Ziel, das Leben für uns und unsere Mitmenschen angenehmer und leichter zu machen, statt ritualisiert, verklemmt und voller Tabus, die nur der Unterdrückung und Dumm-Haltung dienen. Warum sollte sich eine Gemeinde freigeistiger Menschen nicht zusammenfinden, um feierliche Zeremonien der Gemeinschaft, der Verehrung der Schönheit der Natur, der Aufnahme eines neuen Erdenbürgers in die Gemeinschaft, eines Jugendlichen in die Erwachsenenwelt, die Trauung zweier Mitglieder, der Ehrung von verdienstvollen Mitmenschen mit Musik, Lesungen, Gedichten u.a. zu feiern? Nichts ist so wertvoll wie eine funktionierende Gemeinschaft von Menschen, die ihre Mitglieder nicht unterdrückt, sondern als Gleiche behandelt, einander hilft und fördert. Dabei spielen Regeln sicher eine wichtige Rolle. Sie sollen einvernehmlich gefunden werden und sich den Veränderungen der Zeit und der äußeren Bedingungen anpassen, aber auch von großer Bedeutung sein.
Wir Menschen sind aufeinander angewiesen und fühlen uns im Großen und Ganzen nur glücklich in einer Gemeinschaft mit anderen Menschen. Wir brauchen einander. Letztendlich gilt dieses für die ganze Menschheit. Diese Erde wird nur mit uns überleben, wenn die ganze Menschheit zusammenarbeitet und an einer Vereinigung mitwirkt, vielleicht irgendwann mit einer Art Weltregierung.

 copyright by Ludger Gausepohl

Kritisieren ja, bekämpfen der Gläubigen nein!

Diese Schrift versteht sich als eine Kritik an der Religion und ist eine Aufforderung zu einer selbst verantworteten Höherentwicklung des Menschen ohne religiöse Krücken, zu Aufklärung und Wissensvermehrung, sie soll aber keine Verdammung der Religiosität vieler Menschen sein oder ein Aufruf zur Bekämpfung der Religionen. Denn gerade wenn ich gegen religiöse Borniertheit und Intoleranz spreche, muss ich selbst Verteidiger der Toleranz sein. Auch ein sehr gläubiger Mensch kann durchaus geistig- seelisch sehr hoch entwickelt sein und von größerer innerer Reife als die meisten die nicht religiös sind und ihr Leben überhaupt nicht reflektieren. Heute aber befinden sich die Religionen in einem stetigen Niedergang und verlieren zunehmend an Einfluss und Kraft in der weiteren Entwicklung der Menschheit. Aber es ist wichtig zu wissen, dass die Religionen einen wichtigen Anteil an der Entwicklung der Menschheit hatten, Kultur prägend waren und so zum gemeinsamen Erbe der Menschheit gehören. Sie haben einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Ethik geliefert. Aber so wie wir unsere eigene Geschichte aufarbeiten müssen, um uns weiter zu entwickeln, so gehört eine kritische Aufarbeitung der Religionen zur Entwicklung der Menschheit. Was bekämpft werden muss, ist die Haltung vieler Religionsführer, die ihre Religionsgemeinschaft als die einzig Wahre und Richtige darstellen und alle anderen als falsch und bekämpfenswert. Es ist aber auch wichtig zu unterscheiden, zwischen Geistlichen, denen die Betreuung ihrer Gemeinden und das Miteinander der Menschen, sowie die Hilfe zur Sinnfindung im Leben das Wichtigste ist und denen, die die Menschen nur unter Kontrolle halten wollen und die Erhaltung ihrer Hierarchie und Ihrer Machtstellung betreiben. Alle Regeln und Gesetze, alle Dogmen, die die persönliche Entwicklung und Freiheit des Einzelnen mehr als zur Wahrung der Rechte der Gesellschaft nötig einschränken und unterdrücken, ebenso wie die, die nur zur Spaltung und Trennung der Menschheit beitragen, gehören überprüft und abgeschafft.
© Ludger Gausepohl Dezember 2011

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