Mittwoch, 27. November 2013

Fantasie

Komm, wir schaffen eine Welt,
und bauen uns Raum und Zeit,
wie immer es uns gefällt,
doch trifft Traum auf Wirklichkeit,
manch Luftschloss zusammen fällt.
Nur es bliebe ungemacht
manch Entdeckung in der Welt,
viel Geschichten ungedacht,
manch Erfindung gäb es nie,
ohne deine Fantasie.

Fantasie, kleines Aquarell, 1989 (Postkartengröße)
Copyright Bild und Text Ludger Gausepohl 2013

Montag, 18. November 2013

Männerlust


Sturm und Drang sind lange schon vorbei,
doch für mich nicht der Reiz der Männer,
für mich, den älter werdenden Mann.
Schmale Hüften, verlockender Gang,
kecke Gesichter unter schwarzem
oder blondem Haar, modisch frisiert.
Das Begehren sie zu berühren,
zu spüren und mehr, immer noch da.
Hätte es wohl vielleicht nicht nötig,
aber der Trieb fragt ja nicht danach.
Doch dieser Reiz ist Salz im Leben,
durch ihn fühl ich mich wieder jung,
manchmal aber macht er mir auch klar,
dass ich nur so alt bin wie ich bin.

Selbstportrait 1981, Aquarell ca.24x15cm
Copyright Text und Bild Ludger Gausepohl

Sonntag, 10. November 2013

Mein 9. November 1989

An diesem für mich ganz normalen Tag im November saß ich vor dem Fernseher und sah die Nachrichten an. Eine nebenbei gemachte Mitteilung von Politbüro-Mitglied Schabowski schien mir nicht mehr als ein erneuter Versuch der DDR-Oberen zu sein, das Volk zu beruhigen. Gut eine Stunde später sah ich wieder fern und plötzlich schien das Chaos am Fernseher ausgebrochen. Auf dem Bildschirm waren Ströme von Menschen zu sehen, die gerade die Mauer passiert hatten und sie riefen immer nur: “ Wahnsinn, Wahnsinn!“ Ich starrte wie gebannt auf den Fernseher und wollte nicht glauben was ich sah. Irgendwie beneidete ich die feiernden Leute auf den Straßen, aber konnte mich doch nicht aufraffen, mich unter die Menschenmassen, beispielsweise am Kurfürstendamm, zu mischen. Irgendetwas in mir wollte das Ganze noch nicht glauben. Erst am Wochenende begab ich mich mit Freunden an die Mauer am Brandenburger Tor. Natürlich mussten wir herauf klettern und später beteiligten wir uns auch am Mauerpicken, welches nun die Lieblingsbeschäftigung vieler Berliner war. Selbst überquerte ich die Mauer erst einen Tag vor Weihnachten. Ich wollte an einem provisorischen Übergang am Brandenburger Tor nach Ostberlin gehen. Es war dort einiges los. Immerhin hatten diesen Weg einige Tage vorher Helmut Kohl und Ministerpräsident Modrow in der umgekehrten Richtung genommen. Es war schon ein erhebendes Gefühl, als ich nach der kurzen Ausweiskontrolle durch Schinkels Tor schreiten konnte, welches vor so kurzer Zeit noch für ewig verschlossen galt. Schließlich hatte ich auch die Gelegenheit zu feiern. Ich ging nämlich zu Silvester mit Freunden an die Mauer und wir kamen kaum vorwärts in dem Gedränge. Später sahen wir in der Nähe des Brandenburger Tors Unmengen von Krankenwagen. Wir erfuhren, dass mehrere Menschen von einem Gerüst gestürzt waren. Leider führt Hochstimmung auch allzu schnell zu Unachtsamkeit und Leichtsinn. Die Wochen danach war die Stadt vom Zustrom der Menschen, die aus Ostberlin oder dem Umland nach Westberlin strebten, geprägt. Supermärkte und Banken waren an vielen Stellen übervoll. Da kam auch schon wieder das eine oder andere unschöne Wort auf, vielleicht auch nur der rauen Berliner Schnauze geschuldet. Aber sehe ich die Szenen vom Mauerfall heute im Fernsehen, so kommen mir jedes Mal die Tränen in die Augen. Es gibt wohl kein historisches Ereignis in meinem Leben, das mich mehr bewegt hat. Dies trotz aller Nebenerscheinungen, die weniger erfreulich für viele Menschen waren, sei es die Abwicklung vieler Betriebe, die wohl eher den Interessen westdeutscher Konkurrenten diente, als den Menschen vor Ort oder die leichte Vereinnahmung breiter Bevölkerungsteile durch die CDU, obwohl diese im Osten zu den Blockflöten gehörte, während die Parteien der friedlichen Revolution, wie das Neue Forum oder Bündnis 90 kaum noch eine Rolle spielten. Und schließlich auch die Verschlechterung von Arbeits- und Einkommensbedingungen im Westen, da jetzt wohl der Zwang weggefallen war, sich gegenüber einem anderen System zu profilieren. Jetzt war die kapitalistische Gier völlig frei. Aber Revolutionen sind ja bisher noch nie so ausgegangen, wie es die aktivsten Teile der Bewegung erhofften.