Donnerstag, 17. April 2014

Ein Besuch der Ai Weiwei Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin

Ai Weiwei:Very Yao, im Martin-Gropius-Bau, Berlin

Seit dem 4. April ist im Berliner Gropius-Bau die Ausstellung 'Evidence' des bekannten chinesischen Künstlers Ai Weiwei zu sehen.
Da meine Schwester dieser Tage zu Besuch war, entschloss ich mich, mit ihr diese Kunstschau zu besuchen. Zunächst einmal waren wir besorgt, dass die Ausstellung völlig überlaufen wäre, da sie in allen Medien reichlich besprochen und beworben wurde. Durch eine Online-Buchung hofften wir zumindest die Wartezeit auf den Eintritt zu verkürzen. Ich war etwas skeptisch, was wir zu sehen bekommen würden, auch wenn ich im Fernsehen schon das Eine oder Andere gesehen hatte. Moderne Kunst erscheint mir oft etwas willkürlich in ihrem Anspruch und recht profan. Aber nachdem wir ohne Wartezeit das Museum betreten konnten, war mir sehr schnell klar, dass dies eine an Eindrücken reiche Werkschau sein würde.
Betritt man die Eingangshalle dann hängt im Lichtschacht eine Installation aus zahlreichen silbrigen Fahrrädern, wie ich gelesen habe 760 gleiche Exemplare, die auf eines der wichtigsten Transportmittel Chinas hinweist. Allerdings kann man in einigen Videos in der Ausstellung, die Straßenszenen in China zeigen erkennen, das das Fahrrad seine Bedeutung immer mehr verliert und langsam zunehmend durch Motorräder und Autos abgelöst wird. Gelangt man dann nach der Eintrittskartenkontrolle in den großen Lichthof, dann wird man mit einer Ansammlung von zahllosen alten Hockern konfrontiert. Sie wurden von in die großen Städte abgewanderten Bauern zurückgelassen und sollen in diesem beeindruckenden und sehr ästhetischen Arrangement auf den Untergang einer alten bäuerlichen Kultur hinweisen. In den weiteren Ausstellungsräumen finden sich dann eine Anzahl von Objekten und Arrangements, die ich nicht alle im Einzelnen beschreiben möchte. Ein sicher zentrales Objekt ist die Nachbildung der Zelle des Künstlers, in die er wegen angeblicher Steuerhinterziehung eingesperrt wurde und wo er 81 Tage lang in Einzelhaft saß. Für chinesische Verhältnisse ist sie vermutlich recht geräumig, aber dafür war der Künstler unter ständiger Überwachung und alles ist abgepolstert, damit er sich keinesfalls selbst verletzen konnte. Wäre er wirklich ein normaler Steuersünder gewesen, hätte Ai Weiwei sicher in einer ganz normalen Zelle mit anderen Häftlingen gesessen und nicht so eine Sonderbehandlung erhalten. Handschellen mit denen er gefesselt wurde bildete er aus Jade nach. Auch andere Gegenstände wie eine Gasmaske oder Eisenarmierungen aus dem Beton einer bei Erdbeben zerstörten Schule bildete der Künstler aus Marmor nach. Aus dem gleichen Material, das auch für die kaiserliche „Verbotene Stadt“ und das Mao-Mausoleum verwandt wurde, stellte er auch ein Geo-Modell der Diao-Yu-Inseln her, die zwischen China und Japan umstritten sind. Einen einfachen Container für den Transport von Hausrat oder ähnlichem fertigte er aus einem edlen traditionellen Holz, aus dem früher gerne feine Möbel hergestellt wurden. Trotz der Modernität seiner Kunstwerke stellt er gerne Verbindung mit chinesischen Traditionen und klassischer Kunst her. Die Ausstellung war für mich eine gelungene Verbindung von Provokation und Ästhetik dar. Dabei ist die Provokation nicht platt, sondern musst sich der chinesischen Zensur stellen und nutzt eine subtile Sprache. Bei einem der Exponate handelt es sich um eine Ansammlung von Meereskrebsen in rot und grün. Das chinesische Wort für Meereskrebs ähnelt dem Wort für Harmonie, mit dem die Kommunistische Partei Chinas ihre Unterdrückung von Meinungsfreiheit begründet. Deren freiheitsfeindliche und willkürliche Einstellung wird am Beispiel der Zerstörung eines Ateliers des Künstlers in Shanghai deutlich. Ein Video und die Trümmer des Gebäudes, um ein altes chinesisches Bett aufgeschichtet, zeigen, wie groß die Angst der Mächtigen vor diesem Mann sein muss. Für uns war die Ausstellung, die noch bis zum 7. Juli geht, eine äußerst eindrucksvolle Begegnung mit dem Werk Ai Weiweis und dem modernen China und ein Besuch ist unbedingt zu empfehlen.
Dieses Rad wartet auf Ai Weiwei, falls er doch seine Ausstellung endlich besuchen darf.

Copyright für Bilder und Text: Ludger Gausepohl