Freitag, 25. Januar 2013

Spiritualität bei Freidenkern oder Atheisten – ein Widerspruch in sich?

In seinem Buch „Woran glaubt ein Atheist – Spiritualität ohne Gott“ beschreibt der französische Philosoph Comte-Sponville seine Spiritualität, als die eines Atheisten. Viele Nichtreligiöse betrachten Spiritualität als etwas mit der Religion verbundenes und lehnen sie daher ab. Auf der anderen Seite findet man bei Menschen immer wieder und überall auf der Welt ein tiefes Bedürfnis nach Spiritualität. Ohne dieses Bedürfnis wären möglicherweise die Religionen längst ausgestorben, es muss tief in uns verankert sein. Was ist aber nun Spiritualität? Spiritus heißt auf Latein Geist. Nach dem französischen Philosophen Descartes („Ich denke, also bin ich“) ist der Geist „ein Ding, das zweifelt, einsieht, bejaht, verneint, begehrt, verabscheut, auch vorstellt und wahrnimmt.“ (Descartes: Untersuchungen über die Grundlagen der Philosophie)
Es gibt Philosophen (und damit stimmen sie mit den meisten Religionen überein), die den Geist als etwas vom Körper unabhängiges sehen, das auch nach unserem Tode weiter existiert. Andere (und ich teile diese Ansicht) sehen den Geist als eine Wirkung der Bewegung des Gehirns und der Nerven oder als ihre Funktion. Man kann ihn jedoch nicht mit den einzelnen Funktionen des Gehirns gleichsetzen, sondern er ist etwas, das aus der Summe seiner Einzelfunktionen dialektisch hinauswächst. Comte-Sponville bezeichnet Spiritualität als Leben des Geistes. Aus meiner eigenen Erfahrung sehe ich Spiritualität überall da entstehen, wenn mein Geist sich erhebt und aus dem ständigen Strom der Gedanken, Grübeleien und Alltagsbeschäftigungen herausgehoben wird und sich ein Gefühl des Verbundenseins mit dem Unendlichen, dem Kosmos einstellt. Auch das Nachdenken über unsere menschliche Existenz, über Leben und Tod enthält immer ein Element von Spiritualität. Religiöse Menschen finden Spiritualität wahrscheinlich in einem Gottesdienst oder einem Gebet, andere erleben es in einer besonderen Begegnung mit der Natur oder in der Betrachtung besonderer Werke der Kunst oder Architektur, in einer Meditation, in der Sexualität oder einer besonders achtsam und intensiv ausgeübten Tätigkeit, wie einer handwerklichen Tätigkeit, einem Langstreckenlauf oder ähnlichem. Sie kann gemeinsam erlebt werden oder allein, wobei die Wahrnehmung der Spiritualität immer im Geist des Einzelnen stattfindet. Dabei ist das Erleben im Moment das Entscheidende. Es macht allerdings wenig Sinn, diesen Moment zu suchen, auf ihn hinzuarbeiten, sich um ihn zu bemühen, denn dann wird er nie erreicht. Es kommt darauf an, all seine Sinne zu öffnen und in allem was man tut, eine Achtsamkeit zu entwickeln, um solche Momente wahrzunehmen, aber auch sich selbst wahrzunehmen und bereit zu sein, festgefahrene Glaubenssätzen und vorgefertigte Meinungen loszulassen. Hier haben sich vor allem Mystiker aller Glaubensrichtungen hervorgetan. Die meisten von ihnen wurden von ihren Religionsführern verdächtigt oder sogar verfolgt. So wurde Meister Eckardt von der Inquisition der katholischen Kirche ebenso angeklagt, wie die islamischen Sufis von orthodoxen Imamen oder Mullas verdächtigt und verfolgt wurden und werden.
Philosophischer Daoismus und ursprünglicher Buddhismus
Der altchinesische Daoismus eines Laozhi oder der ursprüngliche Buddhismus sind keine Religionen mit einem Glauben an ein höheres Wesen, sondern Denkrichtungen, die Betrachtungen darüber anstellen, wie der Einzelne durch richtiges Verhalten (das er für sich selbst finden muss) und durch Loslassen von Besitzdenken und Gier zu einem „erlösten“ oder weisen Dasein gelangt. Nicht alles in diesen Lehren können wir auf ein modernes Denken übertragen. Aber man kann darin durchaus Inspirationen für eigenes Suchen nach Spiritualität finden, insbesondere in den Methoden der Meditation und der Achtsamkeit. Erich Fromm, Haben und Sein
Der Psychoanalythiker und Sozialphilosoph Erich Fromm sucht in seiner Schrift „Haben oder Sein“ einen Zugang zu einer modernen Spiritualität, in der er das Haben-Wollen, das Festhalten an Besitz und Macht, gegenüberstellt dem Sein, dem sich Öffnen und Loslassen. Er findet Vorbilder bei Meister Eckard, im (Zen-)Buddhismus und auch im Christentum. Er glaubte allerdings, dass letzteres, schon bald nachdem es in Europa zur vorherrschenden Religion geworden war, die christliche Nächstenliebe gegen eine Kultur des Habens und der Machtausübung von Kirche und christlichen Herrschern eingetauscht hat, sodass die spirituellen Elemente nur noch zur Festigung der Bindung der Gläubigen an die Kirche dienen.
Jiddu Krishnamurti
Das Spiritualität nichts ist, das sich durch Dogmen und Theorien erreichen lässt, sondern etwas, wozu jeder seinen eigenen Weg finden muss, dies forderte der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti, der in seiner Jugendzeit von einer esoterischen Gruppe zum neuen Messias ausgerufen worden war, aber mit zwanzig Jahren erklärte, dass er das nicht sein wolle. Die einzige Möglichkeit, den eigenen Weg zur Spiritualität zu finden, sieht er darin, sich selbst und seine Umwelt ohne Vorurteile, ohne Wertungen und mit aller Achtsamkeit zu betrachten. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob die Mehrheit der Menschen, die sich zumeist nach Leit- und Vorbildern orientiert und nach Hilfestellungen für ihre Lebenspraxis sucht, dieser Aufforderung zu so einer großen selbstverantwortlichen Leistung fähig ist.
An sich selbst glauben und sich weiter entwickeln
Wir wissen heute, dass Krankheiten nicht unwesentlich durch seelische Probleme verursacht werden und dass Menschen durch psychische Kräfte wieder geheilt werden. Der menschliche Geist vermag vieles durch seine Kraft. In unserem Kopf befindet sich ein unendlicher Kosmos an Eindrücken und Erfahrungen, an negativen wie positiven Selbsteinredungen oder von außen eingegebenen Suggestionen. Sie blockieren uns nicht selten in unserer Entwicklung. Indem wir uns selbst neue, positive Affirmationen geben, können wir dem entgegenwirken und uns stärken. Der Glaube an einen Gott hat früher dieses selbst entwickelte innere Selbst ersetzt, vielleicht auch manchmal die Kraft entwickelt, Berge zu versetzen und in äußerer und innerer Not den Lebensmut nicht zu verlieren. Aber wenn ich bereit bin, mich zu einem voll erwachsenen Menschen zu entwickeln, finde ich diese göttliche Kraft in meinem eigenen inneren Selbst, das aus den Tiefen meines Unterbewusstseins schöpft. Dieses nimmt alle auf uns einwirkenden Informationen und Eindrücke ungefiltert auf und selbst ererbte Erfahrungen und Instinkte finden sich darin. Wenn wir darauf gestaltend Einfluss nehmen, wird dies zu einer starken Kraft. Voraussetzung dazu sind Wissen, Auseinandersetzung mit der Welt und ihren Täuschungen, aber auch Selbstbesinnung und Unvoreingenommenheit, Selbsterziehung, Beachtung der Grundregeln der Menschheit: Achtung der Würde und der Rechte des anderen, Respekt vor allem Leben, Ehrlichkeit mit sich selbst und mit anderen. Es helfen uns dabei Meditation, Übungen unseres Körpers (Yoga, Qigong, Taiji, Eurythmie, Atemübungen, aber auch Sport u.a.), Musik (besonders der eigene Gesang), bildende Kunst (eigene kreative Tätigkeit) und das offene Gespräch untereinander. Psychotherapie in ihren verschiedensten Formen kann auch ein Hilfe sein, wenn sie nicht dogmatisch angewandt wird und aus humanistischem Geist betrieben wird (und nicht zur Selbstdarstellung des Therapeuten). Es spricht eigentlich auch nichts dagegen, Spiritualität in einer Gemeinschaft zu suchen, da sie dann oft als stärker und intensiver empfunden wird. Ein zeitweises sich Zurückziehen in eine Art klösterliches Zusammenleben um sich auf sich zu besinnen, ein besonderes bewusstes Erleben von Gemeinschaft zu praktizieren, kann der Entwicklung eines Menschen durchaus förderlich sein, wenn es nicht als eine Flucht vor der Welt begriffen wird.
Loslassen
Natürlich muss sich auch ein freidenkender Mensch der Frage nach seinem Lebensende stellen und die einfache Behauptung, dass danach nichts mehr kommt, wird weder Trost spenden noch Ängste überwinden helfen, besonders wenn schwere Krankheiten die Ursache für ein vorzeitiges Sterben darstellen. Das offene Gespräch mit Angehörigen und Ärzten, der Mut, sich seiner Situation zu stellen, wozu die palliative Behandlung von Schmerzen, eventuell auch von Depressionen eine Voraussetzung liefern müssen, wird hier einen Weg eröffnen zum Loslassen und der Vorstellung, das der Tod der große Bruder des Schlafes ist. Der altgriechische Philosoph Epikur (371-270 v. Z.) meinte zu diesem Thema: „So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. (Epikur, Philosophie der Freude) Mit den oben genannten Methoden und Denkweisen können wir uns zu reifen Menschen mit mehr innerer Kraft und Selbständigkeit entwickeln und unseren Zugang zu einer selbstgestalteten Spiritualität finden. Wir werden aber nie perfekt sein und müssen das akzeptieren, genauso wie wir die chaotische und manchmal grausame Welt, in der wir leben, akzeptieren müssen. Aber wenn wir an unserem Todestag das Bewusstsein haben, dass wir ein reiches, intensives Leben gelebt haben, können wir uns getrost fallen lassen in ein Nichts, das weder Schmerz noch Leid kennt.
Zitate
Erich Fromm: „Die Geburt ist nicht ein augenblickliches Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang. Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden.“ Fromm, E.: Zen-Buddismus und Psychoanalyse, Frankfurt 1971 Worte Buddhas: „Glauben Sie an nichts, nur weil Sie es gehört haben. Glauben Sie nicht einfach an Traditionen, weil sie von Generationen akzeptiert wurden. Glauben Sie an nichts, nur auf Grund der Verbreitung durch Gerüchte. Glauben Sie nie etwas, nur weil es in Heiligen Schriften steht. Glauben Sie an nichts, nur wegen der Autorität der Lehrer oder älterer Menschen. Aber wenn Sie selber erkennen, dass etwas heilsam ist und dass es dem Einzelnen und Allen zu Gute kommt und förderlich ist, dann mögen Sie es annehmen und stets danach leben.“ (Kālāma Sutta Anguttara-Nikaya III, 65) Epikur: „Lebenskunst besteht in der Vermeidung und Überwindung von Angst (besonders vor dem Tod), Schmerz und Begierden.“
Quellen
André Comte-Sponville: Woran glaubt ein Atheist, Zürich 2008 Erich Fromm: Haben und Sein, München 2011 Die Kunst des Liebens, München, 1995 Jiddu Krishnamurti, Einbruch in die Freiheit, München 2004 Lest auch meinen Blog zum Thema Religion.

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